ZUM FRÜHSTÜCK KEINE PFLAUMEN

3. Irene Bernhard

Irene Bernhard war eine dreißigjährige, unscheinbare Frau. Nicht sehr groß, sehr mager, schien sie es bei der Wahl ihrer Kleidung darauf anzulegen, unter keinen Umständen aufzufallen. Pullover, Hose und Jacke waren dunkel, einfarbig in sehr konventionellem Schnitt gehalten. Nur das Gesicht war bemerkenswert. Keinerlei Makeup, sehr große Augen, die aber ohne jeden Ausdruck schienen, hohe Wangenknochen, dünne, fast verbissene Lippen, eine hohe Stirn, eingerahmt von langen schwarzen Haaren, bleiche, sehr helle Haut.
Völlig fasziniert sah Michael die junge Frau an, die da an seiner Tür stand, denn er glaubte sie zu kennen, und wusste doch nicht, wer das sein sollte. Irgendwo hatte er diese Frau oder ein Bild von ihr schon gesehen. Aber wann und wo?
„Sie sind Herr Wegner? Ich bin Irene Bernhard.“
Michael fasste sich:
„Kommen Sie rein. Da vorne links, bitte.“
Irene betrat das Wohnzimmer von Michael, das er gleichzeitig als Atelier benutzte. Sie sah die Staffelei mit dem unfertigen Gemälde, die vielen Utensilien in manchmal recht seltsamen Gefäßen, die beiden völlig überfüllten Bücherschränke, die abgewetzte Sitzgarnitur und die unzähligen Bilder an den Wänden.
Sie drehte sich um zu Michael:
„Sie malen?“
„Das ist wohl nicht zu übersehen. Aber deswegen sind Sie ja nicht gekommen. Setzen Sie sich.“
Wortlos setzte sich Irene auf einen Sessel. Michael setzte sich nicht ihr gegenüber aufs Sofa, sondern zog sich einen Stuhl heran, setzte sich aber nicht.
„Ich muss mich entschuldigen, dass ich Sie so überfallen habe; ich wusste ja, dass Sie von der Nachtwache kommen, aber ich muss Sie unbedingt sprechen.“
„Sie sagten, Sie sind ein Patenkind von Frau Schneider? Ehrlich gesagt kann ich mir das gar nicht vorstellen. Frau Schneider war alles andere als religiös, ist es auch nie gewesen. Wie sollte sie also zu einem Patenkind kommen?“
„Nein, Herr Wegner. Nicht im kirchlichen Sinne natürlich. Aber meine Mutter und Tante Irmgard, also Frau Schneider, waren sehr enge Freundinnen. Wenn meine Mutter auf eine ihrer vielen Reisen ging, war ich immer bei Tante Irmi, und auch sonst ... „
„Ich verstehe. – Hm, sagen Sie, möchten Sie auch eine Tasse Tee, oder vielleicht einen Kaffee?“
„Tee, bitte.“
„Sie müssen schon entschuldigen, dass ich bin etwas kurz angebunden war. Frau Schneider als Patentante, das kam mir doch etwas plötzlich.“
Er reichte ihr die Hand:
„Mein tiefes Beileid. Frau Schneider hat mir sehr viel aus ihrem Leben erzählt. Ich glaube, ich ahne, wen Sie da verloren haben.“
Irene seufzte auf.
„Das hatte ich gehofft, Herr Wegner.“
Sie nahm den Becher Tee, den ihr Michael reichte, umfasste ihn mit beiden Händen, als ob sie sich aufwärmen wollte.
Michael sah sie etwas zweifelnd an:
„Nur eines verwundert mich doch. Wenn Sie Frau Schneider so nahe standen, warum haben sie sich die ganze Zeit nie sehen lassen, als Frau Schneider im Sterben lag? Das geht mich zwar nichts an, aber ... hm.“
„Ich, ... .“
Dann aufs neue:
„Also, ich war im Gefängnis. Und auch sonst ..., aber das ist eine lange Geschichte.“
„Frau Bernhard, Sie sind mir keine Rechenschaft schuldig. Aber Sie haben recht, ich muss unbedingt versuchen etwas zur Ruhe zu kommen. Heute Nacht ist ein Bewohner im Heim verstorben, und ich brauche auch Schlaf. -
Was genau führt Sie denn jetzt zu mir?“
„Ja, also. Tante Irmi wollte mich bei ihr wohnen lassen. Und später sollte ich das Haus erben. Jetzt tut ihr Neffe so, als hätte er noch nie etwas von mir gehört. Angeblich ist auch kein Testament da. Ich weis einfach nicht, was ich machen soll.“
„Und wie soll ich Ihnen da helfen? – Übrigens, waren Sie das, der die Staatsanwaltschaft veranlasst hat, eine Obduktion anzuordnen?“
Irene ganz entsetzt:
„Wie bitte? Wieso ich? Mit der Polizei will ich nichts zu tun haben, wenn es sich irgendwie vermeiden lässt. Eine Obduktion? Aber warum denn?“
„Es sind wohl Unklarheiten über die Todesursache bei Frau Schneider vorhanden. Aber etwas genaues weis ich auch nicht. –
Frau Bernhard, ich kann heute einfach nicht mehr. Morgen hab ich frei. Wenn Sie wollen, können wir uns gerne morgen Abend treffen, und uns unterhalten. Wo wohnen Sie denn jetzt?“
„Ach, in einer Pension, gar nicht weit von hier.“
„Dann können wir uns doch morgen wieder hier treffen, wenn Sie wollen.“
„Das wäre schön.“
Irene erhob sich und trat zu der Staffelei.
„Das ist der Baum vor Ihrem Haus! - Irre!“
„Das gefällt Ihnen? – Es ist noch längst nicht fertig. – Kommen Sie, ich bring Sie nach draußen,“ antwortete Michael ziemlich unwillig.
Er gab ihr die Hand:
„Also bis Morgen Abend um acht, Frau Bernhard.“
Irene nickte und ging schnell die Straße entlang.

Völlig erledigt ging Michael in sein Schlafzimmer. Ihm dröhnte der Kopf, und er glaubte nicht, dass er einschlafen könnte. Aber er war noch nicht einmal richtig ausgezogen, da fielen ihm schon die Augen zu.

Gegen Mittag wachte er auf.




An dieser Stelle habe ich im März 2006 die Arbeit an dieser Geschichte abgebrochen.