ZUM FRÜHSTÜCK KEINE PFLAUMEN

2. Michaels Erzählung

Michael betrat das Zimmer von Herrn Eisemann.
„Schön Michael, setzten Sie sich her zu mir ans Bett. Sie haben doch jetzt Zeit?“ -
Das Gesicht von Herrn Eisemann war bleich und eingefallen, aber seine Augen hatten den ungesunden Fieberglanz, stärker noch als vor eineinhalb Stunden.
„Sie haben wieder Fieber, Herr Eisemann. Ich will erst kurz die Temperatur messen.“
„Machen Sie ruhig. Das hindert uns ja nicht am Reden.“
Das Digitalthermometer, mit dem die Temperatur im Gehörgang gemessen werden konnte, zeigte 39,7. Aber Michael wusste, dass diese neumodischen Dinger nicht sehr genau waren.
„Ich gebe Ihnen eine Aspirin, Herr Eisemann, damit das Fieber nicht weiter steigt, wenn Sie einverstanden sind.“
„Ja gut, aber so schlecht fühle ich mich jetzt im Grunde gar nicht.
Aber ich weiß ja, das muss nichts heißen.“ –

Michael ging zum Schreibtisch von Herrn Eisemann.
„Ihre Medikamente sind noch in dieser Schublade? Frau König wollte sie doch umräumen. Eigentlich müssen die stärkeren Arzneimittel alle im Stationszimmer aufbewahrt werden.“
Neben verschiedenen Salben, Cremes und harmlosen Geriatrika lagen da nämlich auch keineswegs unschädliche Sachen, darunter scheinbar ein Medikament, das Michael nur vom Hörensagen kannte. Die Leute ließen es sich aus der Schweiz zuschicken, und es war ein Freitodpräparat. Es war absolut tödlich, und natürlich lies es sich auch als Mordwaffe einsetzen. Wie kam dieses Mittel in die Hände von Herrn Eisemann?, fragte sich Michael, wenn es denn dieses Präparat war, denn Michael war sich nicht sicher.

Er nahm aus einer Packung eine Tablette Aspirin, gab sie Herrn Eisemann, und flößte ihm dann etwas Tee zum Nachspülen ein. Seine Unsicherheit (Wie sollte er sich verhalten?) ließ ihn schweigen, und Herr Eisemann spürte dieses Zögern.
„Was haben Sie, Michael? Ihnen geht doch etwas durch den Kopf.“
„Ach Herr Eisemann, mir geht zur Zeit so einiges durch den Kopf.“
„Muss ich Sie denn so drängen? Nun erzählen Sie schon.“

Und Michael seufzte, nahm sich zusammen, und fing an zu erzählen.

„Also gut. - Geboren und aufgewachsen bin ich in einem kleinen Dorf in der Nähe von Passau in Niederbayern, wo jeder jeden kannte. Mein Vater war ein kleiner Eisenbahnbeamter und Mutter war Hausfrau. Vor der Hochzeit war sie Verkäuferin in einem großen Warenhaus in Berlin gewesen. Ich habe noch zwei ältere Schwestern. Die eine ist seit ein paar Jahren wieder geschieden, und hat zum Glück keine Kinder. Meine andere Schwester hat zwei, jetzt schon erwachsene, Töchter, und vielleicht werde ich demnächst Großonkel.

Alles in allem hatte ich eigentlich eine recht glückliche Kindheit, aber natürlich gab es auch Probleme. In dieser erzkatholischen Gegend waren wir die einzigen Protestanten im Dorf. Das war damals in den fünfziger Jahren gar nicht so einfach, wie Sie sich denken können. Irgendwie hat uns das so ein bisschen zu Außenseitern gestempelt. Wir Kinder nahmen ja nicht am Religionsunterricht der anderen teil, und wir gingen nicht in die Kirche. Nur an Weihnachten ist die ganze Familie nach Passau zum Weihnachtsgottesdienst gefahren.

Meine Eltern hatten ein kleines Häuschen mit einem wunderschönen, riesengroßen Garten. Ich weiß gar nicht mehr, wie oft ich mir beim Herumklettern in den uralten Obstbäumen die Hosen zerrissen oder die Knie zerschrammt habe.
In einer alten Linde hatten wir sogar ein Baumhaus, und das war alles ganz toll für uns Kinder. Heute fehlt mir so ein Garten irgendwie, obwohl ich überhaupt keinen grünen Daumen habe, wie man so sagt.“ ...

Michael verstummte. Herr Eisemann sah ihn fragend an. Nicht nur, dass Michael verstummte, er hatte auch gespürt, dass irgendetwas zwischen ihnen stand. Michael redete anders als sonst, verkrampfter, gekünstelt.
Aber Michael gab sich einen Ruck, und sagte zu Eisemann:
„Ach Herr Eisemann; ich kann einfach nicht so tun, als hätte ich nicht bemerkt, was Sie da in Ihrer Schublade haben. Das kann ich nicht ignorieren, und dann munter drauf los von mir selbst erzählen. - Warum machen Sie das nur?“
„Noch habe ich gar nichts gemacht, Michael. Gut, ich habe mir diese Kapseln besorgen lassen, aber das ist mein gutes Recht. Solange ich noch über mich selber bestimmen kann, will ich das auch tun.“
Herr Eisemann atmete sichtlich schwerer, bemüht sich unmissverständlich auszudrücken.
„Michael, ich lasse meine Krankheit nicht über mich bestimmen! Ich weis, dass ich sterben muss, aber ich will entscheiden wie! Aber wie soll ich mit Ihnen darüber reden, wenn ich Sie kaum kenne? Nur deshalb will ich doch etwas über Sie erfahren.“
Er wandte sich etwas ab, und blickte eine alte, schön gerahmte Fotographie eines Frauenporträts an, die an einer der gegenüberliegenden Wände hing.
„Sie müssen ja nicht, wenn Sie nicht wollen, Michael. Ich kann das gut verstehen.“
Wieder sah er fragend auf Michael.
Der seufzte auf:
„Also gut, Herr Eisemann. Aber was soll ich dann erzählen? Mein Lebenslauf ist nicht so interessant für Sie. Wissen Sie, was mich zur Zeit beschäftigt? - Ich glaube nicht, dass Frau Schneider, die neulich gestorben ist, ihrem Leben selbst ein Ende gesetzt hat. Es fängt doch niemand an, einem mehrere Nächte lang sein Leben zu erzählen, und bringt sich dann mittendrin um! Das ist einfach nicht natürlich.“
„Glauben Sie?“
„Sie meinen, das ist möglich? Aber wie soll das gehen? Das war doch etwas, was Frau Schneider zu Ende erzählen wollte.“ Und mehr zu sich selbst:
„Na ja, es steckt ja niemand im Kopf des anderen.“
„Eben, Michael. Am Tag sind Sie nicht da, und wer will wissen, was Frau Schneider durch den Kopf ging, wenn sie über ihr Leben nachdachte!“
Herr Eisemann hustete sanft, fast zärtlich, eine ganze Weile lang. Dann bat er Michael ihm das Kopfkissen aufzuschütteln.
Danach begann er:
„Geben Sie sich einen Ruck, Michael. Ich werde schon noch mit Ihnen reden. Ich verspreche Ihnen, nichts zu tun, was Sie ängstigen müsste. – Ich interessiere mich für Sie. Erzählen Sie. Wie sind Sie denn zur Altenpflege gekommen?“
Also erzählte Michael, zögernd, weiter:



„Ja, also. Eigentlich habe ich ja zuerst Maschinenschlosser gelernt, aber das war überhaupt nichts für mich. Mehr schlecht als recht bin ich immerhin so fünf, sechs Jahre an der Werkbank gestanden, bis dann meine damalige Firma pleite ging. Ich hab es nicht so mit Maschinen oder mit Metall. Viel mehr interessiere ich mich für Menschen. Durch das Arbeitsamt konnte ich dann eine Umschulung zum Altenpfleger machen, und bin dann hierher gezogen. Jetzt kenne ich auch schon einige Leute, nicht nur die Menschen im Heim, und es gefällt mir hier ganz gut.“ Er räusperte sich:
„Na ja, ich erzähle das ja nicht vielen, aber ich halte mich eigentlich für einen Maler und Zeichner. Richtig wohl fühle ich mich erst, wenn ich Stift oder Pinsel in der Hand halte. Aber die meisten Leute mögen meine Bilder nicht.
Was soll´s, mir gibt das unglaublich viel.“

Wieder verstummte Michael. Er merkte, dass Herr Eisemann eingeschlafen war. -
Vieles ging ihm durch den Kopf, und er spürte, dass er an seine Grenzen gekommen war.

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Als Michael zuhause angekommen war, kochte er sich eine Kanne Tee, und setzte sich vor seine Staffelei. Er starrte auf das halbfertige Gemälde vor sich, und sah doch nichts. In der linken Hand einen Pinsel, eine Tasse Tee in der anderen, saß er bewegungslos da, als er sein Telefon klingeln hörte.
Unwillig warf er den Pinsel in eine Ecke, griff zum hartnäckig klingelnden Telefon und fragte barsch:
„Ja? - Wer ruft mich morgens um halbacht an, wenn ich schlafen will?“
Eine helle, junge Frauenstimme:
„Sind Sie Herr Michael Wegner?“
„Sie wissen doch welche Nummer Sie gewählt haben. - Wer sind Sie?“
„Ich, .. ich heiße Irene Bernhard. Ich rufe wegen Frau Schneider an. Sie haben sie doch gekannt?“
„Woher haben Sie meine Telefonnummer? Ich stehe nicht im Telefonbuch.“
„Das war gar nicht so schwer. – Herr Wegner, können wir uns treffen? Am Telefon geht das nicht so gut.“
„Was geht nicht so gut am Telefon?“
„Frau Schneider war meine Patentante. Bitte Herr Wegner ...“
Michael nach einigem Zögern:
„Also gut. Was schlagen Sie vor?“
„Kann ich nicht zu Ihnen kommen? Jetzt gleich?“
„Hm! Also meinetwegen. Sie wissen, wo ich wohne?“
„Ja.“
Irene Bernhard legte ohne Gruß auf.

Michael war einigermaßen unsicher, aber auch sehr gespannt, was da auf ihn zu