ZUM FRÜHSTÜCK KEINE PFLAUMEN

1. Die Nachtschicht

Michael Wegner war auf dem Weg zur Arbeit. Er ärgerte sich mal wieder darüber, dass er den Wetterbericht nicht ernst genommen hatte. Es nieselte. Das heißt, das Nieseln ging unaufhaltsam in einen ausgewachsenen Landregen über, und Michael hasste es, wenn er durchnässt zur Arbeit kam. Dabei störte in weniger sein Äußeres, da machte er sich keine Illusionen. Er war zu klein, viel zu dick und begann auch langsam kahl zu werden.
Ihm war es zuwider seine feuchten Kleidungsstücke in den Umkleideschrank zu hängen, die schütteren Haare trocken zu fönen, und jetzt ständig die Brille putzen zu müssen. Eine gute viertel Stunde hatte er noch zu gehen.

Immer wieder gingen ihm seit einigen Tagen die gleichen Gedanken durch den Kopf: Wie war das mit Frau Schneider? Hatte sie nun das Medikament selbst eingenommen oder hatte ihr jemand geholfen? Vielleicht wollte sie ja wirklich Schluss machen, aber Michael war sich da gar nicht so sicher. Zwei Nachtwachen lang hatte er an ihrem Bett gesessen, und die Lebensgeschichte von Frau Schneider gehört. Und er glaubte einfach nicht, dass diese Frau mitten in ihrer Geschichte Selbstmord begangen hatte, ohne ihm den Rest zu erzählen.

Wie fast jeden Abend hielt Michael bei seinem Stammkiosk an, um Zigaretten zu kaufen. Automatisch gab ihm der Kioskbetreiber seine zwei Päckchen schwarze Zigaretten, doch dann, ganz ungewöhnlich sprach er Michael an: „Es geht mich zwar nichts an, aber werden Sie in letzter Zeit verfolgt?“
„Wieso? Um was geht´s denn?“
„Na ja, seit vier oder fünf Tagen folgt Ihnen jeden Abend eine jüngere Frau, so um die 30, und nie geht sie mit Ihnen zusammen. Da dachte ich halt ... . Also ungewöhnlich ist das schon. So regelmäßig, und egal was für ein Wetter. Ist die von der Polizei?“

Michael war völlig verblüfft.
„Also hm, ich habe nichts bemerkt. Aber danke, dass Sie mich darauf aufmerksam gemacht haben.“
Er ging weiter, und nun achtete er auf die wenigen Passanten, vor ihm und hinter ihm. Ohne etwas zu bemerken, kam er im Pflegeheim an.
Während er sich umzog, ging ihm die unbekannte Verfolgerin natürlich durch den Kopf. Was hatte das denn nun zu bedeuten? Michael konnte sich beim besten Willen keinen Grund vorstellen, warum ihn irgendjemand verfolgen oder beschatten sollte, schon gar nicht eine jüngere Frau.
Er schob den Gedanken daran zunächst beiseite, denn bei der Schichtübergabe konnte er sich keinerlei Unaufmerksamkeit leisten. Irgendwann in der Nachtwache, wenn es ruhiger zuging, konnte er darüber nachdenken, was das ganze sollte.

Das kleine Alten- und Pflegeheim, in dem Michael arbeitete, hatte nur eine Nachtwache, die von zwei Hilfskräften, meistens Zivildienstleistende, unterstützt wurde. In vielen Nächten ging es auch sehr ruhig zu, so dass dies völlig ausreichend war, wie Michael fand. Die Schwerstpflegefälle wurden sowieso in andere Einrichtungen abgegeben, wenn das möglich war. Aber sterbende Menschen fanden höchstens im Krankenhaus und bestenfalls in einem Hospiz einen Platz, und da gab es einfach zu wenig Plätze.
Auch jetzt hatte das Sophienheim, wie es sich nannte, zwei Bewohner, die im Sterben lagen. Wenn er auch schon keine richtige Sterbebegleitung machen konnte, weil er eben für die Pflege da war, so war es Michael doch wichtig, das zu tun, was irgendwie möglich war. Für Herrn Eisemann hatte er heute einen Band mit Rilkegedichten mitgebracht, die er ihm vorlesen wollte, wenn er Zeit dazu fand. Bei Frau Schulze, die nicht bei Bewusstsein war, (aber wer wusste das schon genau) wollte er eine Duftkerze anzünden.

Die Schichtübergabe ging zügig voran. Marlene König, die Pflegedienstleiterin, hatte ihre Schicht voll im Griff, so dass keine zusätzliche Arbeit für die Nachtwache liegengeblieben war. Allerdings hatte sie einen der beiden Zivis wieder nach Hause geschickt, weil er vollgekifft zur Nachtwache angetreten war. Das war zwar schade, aber nicht zu ändern.

Michael ging die Unterlagen durch, und sah nach, was tagsüber so alles geschehen war. Fragend sah er zu Marlene hinüber, die ihm am Schreibtisch gegenüber saß:
„Die Polizei war im Haus? Davon hast Du mir ja gar nichts gesagt.“
„Ist auch nicht weiter wichtig. Bei Frau Schneider ist eine Obduktion angeordnet worden, wahrscheinlich wieder so eine Erbschaftsgeschichte.“
„Na hör mal, das nennst Du nicht wichtig? Du weißt doch genau, wie wir dastehen, wenn es Zweifel an der Todesursache bei einem Bewohner gibt. Da kommt doch dann jedes Mal böses Blut hoch.“
„Ja, ja. Du hast ja recht. Aber der Beamte sagte doch, es handle sich um eine reine Routineangelegenheit. -
Hm! Jetzt wo ich drüber nachdenke, finde ich das auch beunruhigend.“

„Na, wir werden ja sehen, was dabei rauskommt. -
Wie geht es Frau Schulze und Herrn Eisemann? Heute morgen wollte doch Dr. Friedrich vorbeikommen.“
„Der war da. Bei Eisemann hat er die Morphiumdosis erhöht, sonst geht es im unverändert schlecht, aber er scheint mir etwas ruhiger geworden zu sein.
Mensch Michael, wir bräuchten einfach eine eigene Sterbebegleitung, aber ich habe natürlich kein Geld dafür. Ganz abgesehen davon, dass ich sowieso kaum Leute finde, und schon gar keine ehrenamtlichen.“
„Das weiß ich doch. Wir müssen eben das tun, was neben der Pflege möglich ist. In der Nachtwache hab ich nun mal die meiste Zeit, auf unsere Bewohner einzugehen. Natürlich müsste ich keine Sterbebegleitung im eigentlichen Sinn machen, aber verdammt! Wer soll es denn sonst tun?“

Michael blickte Marlene zornig an, aber sie wusste, dass der Zorn nicht ihr galt.
Michael fragte weiter:
„Und bei Frau Schulze? Keine Veränderungen?“
Marlene seufzte auf:
„Ich glaube es geht in den nächsten vierundzwanzig Stunden zu Ende. Die Schnappatmung hat eingesetzt, und Du weißt ja . . . .“
„Du kennst sie jetzt, seit Du hier bist, also seit neun Jahren. Da ist es ganz klar, dass Dir das an die Nieren geht. Ich hab sie ja erst letztes Jahr kennen gelernt, und meistens hat sie ja geschlafen. Das muss eine ganz feine Frau gewesen sein. - Hm, ist es noch.
Gleich neun. Ich muss anfangen. Hast Du sonst noch was?“
„Dass ich Henry wieder nach Hause geschickt habe, weißt Du ja schon. Aber unser Fitte hat mich gefragt, ob er in die Tagschichten wechseln kann. Ich könnte dann Eva zur Nachtwache einteilen. Sie müsste das jetzt gebacken kriegen, und wenn Du einverstanden bist, dann machen wir das ab nächste Woche so.“
„In Ordnung. Hoffentlich kommt sie dann mit ihren Beziehungskisten klar. Als Nachtwache ist das nicht so einfach.“
Michael zündete sich noch eine Zigarette an, und um das Thema zu wechseln, das Michael unangenehm war, warf sie ihm vor:
„Michael, Du rauchst einfach zu viel. Schläfst Du wenigstens genug?“
„Ach hör schon auf! Mach jetzt, dass Du nach Hause kommst. Dein Typ wird schon auf dich warten, und ich muss endlich anfangen.“

Dann fiel ihm etwas ein:
„Ach sag mal, hatte die Frau Schneider außer ihrem Neffen noch andere Verwandte? Eine jüngere Frau vielleicht?“
Marlene sah ihn seltsam an.
„Nicht, dass ich wüsste. Wie kommst Du darauf?“
„Ach nichts. Mach jetzt, dass Du verschwindest. Das erzähl ich Dir morgen.“

Bis Michael und Fitte alle Bewohner begrüßt hatten, die Bettlägerigen umgelagert, und für die Nacht fertig gemacht, und, wo es nötig war, Bewohnern beim zu Bett gehen behilflich waren, war es halb elf geworden. Frau Müller musste noch ihre Spritze bekommen, und Herr Friedrichsen und zwei weitere Bewohner gingen erst gegen zwölf zu Bett. Jetzt hatte Michael etwas Zeit. Er nahm den schmalen Band mit Rilkegedichten aus seiner Jackentasche, und machte sich auf den Weg zu Herrn Eisemann.

Michael war heute überhaupt nicht nach Rilke zu Mute. Ihm ging die unbekannte Verfolgerin, und die ganze Sache mit Frau Schneider nicht aus dem Kopf. Aber er wollte nicht, dass Herr Eisemann auf das bisschen Zeit, das er für ihn erübrigen konnte, verzichten musste. Auf den Balkon des Fernsehraums, der jetzt leer war, rauchte er eine Zigarette, um den Kopf etwas freier zu bekommen.
Dann ging er zu Herrn Eisemanns Zimmer, klopfte an, und hörte ein leises: „Herein“.

„Nochmals guten Abend Herr Eisemann. Ich dachte mir doch, dass Sie noch nicht schlafen.“
„Schlafen kann ich bald genug, Michael. Wenn die Schmerzen nicht wären, würde ich überhaupt nicht mehr schlafen.“
„Wirkt das neue Morphiumpflaster nicht? Der Arzt hat Ihnen ja ein stärkeres verschrieben.“
„Michael, gegen das Sterben hilft kein Pflaster. Ich muss halt leiden, wenn ich nicht ganz benebelt eingehen will. –
Was hat das alles für einen Sinn, das ganze Leben? Bald ist für mich doch alles aus.“
„Ich weiß keine Antwort, Herr Eisemann. So weise werde ich wohl nie sein.“
Michael schlug das Buch auf, das er mitgebracht hatte.
„Lassen Sie den Rilke stecken, Michael. Mir ist heute nicht danach. Erzählen Sie mir mal was von sich. Ich kenn Sie doch kaum, und doch komme ich in meinem Elend zu Ihnen. Was sind Sie für ein Mensch, Michael? - Haben Sie auch manchmal Angst?“
Kurzes Schweigen.
„Ja, Herr Eisemann. Ich habe oft Angst. - Aber jetzt sind doch Sie wichtig. Von mir gibt es nicht so viel zu erzählen.“
„Ich möchte schon hören, was Sie so machen, Michael. Wenn ich immer nur über meine eigene Vergangenheit nachdenke, davon wird auch nichts anders.“
„Sie bringen mich da richtig in Verlegenheit, Herr Eisemann.“
„Ach geben Sie sich einen Ruck. Von mir wird sowieso niemand mehr etwas erfahren können. - Aber gehen Sie jetzt, und machen Sie Ihre Runde. Wenn Sie um zwei oder drei vorbeikommen, haben Sie Zeit. Dann erzählen Sie mir von sich.“

Michael verließ das Zimmer und ging ins Büro, um eine Zigarette zu rauchen. An der Klingeltafel sah er, dass Fitte bei einem der Bewohner war, der heute scheinbar etwas früher zu Bett ging, als sonst. Gut so, auf Fitte war Verlass.
Michael fing an die Medikamente für den morgigen Tag zu stellen, und kam zügig voran. Als Fitte ins Büro kam, war er damit nahezu fertig.
„Na, Fitte. Ganz schön ruhig heute.“
„Stimmt. Im oberen Stockwerk sind alle Bewohner schon im Bett. Und hier unten hat nur Frau Lustig einmal geklingelt, weil ihr die Fernbedienung unters Bett gefallen war.“
„Du sag mal, glaubst Du, dass es mit Henry besser klappen würde, wenn er in der Tagschicht wäre? Rausschmeißen will ich ihn nicht, er ist ja sonst ganz in Ordnung. Aber zugedröhnt, das geht natürlich nicht.“
„Man kann das ja probieren. Ich hab sonst kaum Kontakt zu ihm, vielleicht kommt er aber einfach mit den Nachtwachen nicht zurecht. Ich übrigens auch nicht.“
„Bei Dir geht das schon, aber Du bist ja auch um einiges älter. – Schön, wir werden sehen. Du willst ja auch in die Tagschicht. - Kommst Du nachher alleine zurecht? Ich will zuerst zu Frau Schulze, und dann zu Herrn Eisemann, und das kann dauern.“
„Klar. Du bist doch beim Umlagern wieder dabei?“
„Natürlich. – Ich rauche jetzt noch eine, und dann weißt Du ja, wo Du mich findest.“
„Also ich könnte das nicht so, wie Du. Bei Frau Schulze ist mir schon unheimlich zumute.“
„Du brauchst da nicht alleine reinzugehen. Das nächste mal wartest Du, bis ich dabei bin. – Das ist bloß völlig unbekannt für Dich, zuzusehen, wie jemand stirbt. Und so lange bist Du noch nicht dabei.“
„Ja schon, aber trotzdem.“
„Ich muss jetzt los. Bis später dann.“

Inzwischen war Michael mit dem Stellen der Medikamente fertig geworden, schloss den Giftschrank ab, und zündete sich seine Zigarette an. Fitte hatte neuen Kaffee aufgesetzt, und nach einer Tasse Kaffee und zwei Zigaretten ging Michael zu Frau Schulze.
Im Zimmer von Frau Schulze herrschte jene eigenartige Atmosphäre, die zu fühlen ist, wenn ein Mensch stirbt. Michael zündete die mitgebrachte Duftkerze an. Er wusch der schwer und ruckartig atmenden Frau Schulz das Gesicht behutsam ab, und netzte ihr die Lippen mit etwas Tee. Als er ihr die Bettdecke zurechtrückte, stellte er fest, dass sich bereits die unteren Gliedmaßen verfärbten. Ein eindeutiges Zeichen. Ja, es ging zu Ende.
Die Duftkerze ließ er verbotenerweise brennen. Niemand wusste mit Sicherheit, welche Sinnesorgane noch bis wann arbeiteten, und den Geruch von Lavendel hatte Frau Schulz immer gemocht.