Wie es sich anfühlt aus dem Schloss auszuziehen


Heute könnte ich mir nicht mehr vorstellen im Schloss Gestorf zu wohnen. Dabei war ich bis zum Schluss gerne dort und habe mich wohl gefühlt. Aber mir ist etwas ganz Schwieriges gelungen, nämlich den richtigen Zeitpunkt für den Auszug aus dem Schloss zu finden. Ich sehe es so, dass dieser Zeitpunkt dann gegeben ist, wenn man sich am wohlsten fühlt, wenn man das Konzept von Schloss Gestorf richtig begriffen hat.
Und dann ausziehen? Das ist schwer und dazu noch eine Entscheidung die man nur ganz alleine treffen kann. Niemand kann einem dabei wirklich raten. Warum sollte man auch ausziehen, wenn alles stimmt, wenn die Probleme erst auf einen zukommen, durch das Ausziehen?

Es muss auch gute Gründe für das Ausziehen geben, denn schließlich gibt man einiges auf. Da ist zunächst die herrliche Wohnlage, denn wer darf schon in einem Schloss wohnen? Außerdem hat man als Schlossbewohner eine umfassende Rundumversorgung; es ist wirklich alles da, was man zum Leben braucht.
Vor allem aber gibt man auf, dass immer jemand da ist, mit dem man reden kann, und sei es nur über das Wetter oder die letzten Fußballergebnisse.
Da ist ein Gefühl der Sicherheit, des irgendwie Geborgenseins, das dann eben nicht mehr da ist. Auch wenn nicht immer alles ein Zuckerschlecken war, und das Schloss ganz bestimmt kein Hotel ist, ist es doch ungeheuer bequem, wenn man nicht dafür sorgen muss, dass alles was man braucht vorhanden ist. Insofern lebt man im Schloss unter einer „Käseglocke“, unter nicht normalen Verhältnissen.

Ich hatte genau nachgeschaut: Was war jetzt bei mir anders, als bei meinem Einzug, was hat sich geändert? Was wollte ich tun, wenn ich nicht mehr im Schloss wohnen würde? Wie wollte ich in Zukunft leben?
Auf diese Fragen hatte ich eine ganz persönliche Antwort gefunden, und mir war klar, dass ich ausziehen musste! Länger im Schloss zu bleiben hätte für mich bedeutet den gegebenen Bequemlichkeiten nachzugeben, und nicht mehr viel von mir selbst zu wollen.

Jetzt war ich im Kopf schon gar nicht mehr im Schloss Gestorf. Auf meine neue Wohnung freute ich mich, und darauf, wie ich in Zukunft leben wollte. Aber ich hatte auch jede Menge Angst! Und viele Menschen die im Schloss arbeiteten und lebten hatte ich doch sehr ins Herz geschlossen, also kam auch noch Wehmut dazu.

Was ich dann überhaupt nicht erwartet hätte, war ein seltsames Gefühl der Befreiung, als ich dann tatsächlich ausgezogen war. Aber genau das empfand ich! Dabei kam ich doch gar nicht aus dem Knast oder dem Krankenhaus, und fühlte mich im Schloss Gestorf nicht eingeengt. Lange hat diese Gefühl jedoch nicht angehalten.

Recht schnell hatte ich mir dann mein Leben so eingerichtet, wie ich es haben wollte. Es gibt eine ganze Menge, was mir fehlt, wenn ich ans Schloss denke. Da ist natürlich das wunderbare Essen, die Freizeitangebote, die ich mir nicht mehr leisten kann. Vor allem aber die Menschen, die das Schloss mit dem Geist beseelen, der es dazu macht, was es ist. Aber mein Platz ist dort nicht mehr.

Heute lebe und arbeite ich in Springe in einer kleinen Wohnung unter dem Dach, wie es sich für einen armen Poeten gehört. Meine Gefühle dem Schloss Gestorf gegenüber haben sich wenig geändert. Ein Stückchen Heimat ist das Schloss für mich geblieben und wird es bleiben. Wenn es diese Einrichtung nicht gäbe, müsste man sie erfinden.