Wie es sich anfühlt ins Schloss Gestorf einzuziehen


Es ist eine gute Praxis, dass bei einem ersten Besuch ein zukünftiger
Bewohner clean und trocken erscheinen muss. Nur so ist er nämlich in
der Lage Eindrücke aufzunehmen, die dann ja seine Entscheidung für
den Einzug oder dagegen stark beeinflussen. Und das sind gewaltige
Eindrücke!

Da ist der riesige Garten; da ist das Schloss mit dem Türmchen, die
vielen schönen alten Bäume, das alles wirkt wie eine harmonische
Einheit. Es kam mir so vor, als müsse das genau so sein, wie es war.
Und einen Eindruck hatte ich damals überhaupt nicht: den Eindruck einer
Anstalt.

Theoretisch ist es ja so, dass die Entscheidung ins Schloss Gestorf
einzuziehen ein freier Entschluss ist. So fühlt sich das aber nicht an!
Wenn ich an meine damaligen erbärmlichen Lebensumstände dachte,
und dann das Schloss sah, was sollte das für eine freie Entscheidung
sein, ins Schloss einzuziehen oder nicht?
Ich musste da rein, weil ich nicht mehr auf die Dauer so weiter machen
konnte und wollte wie bisher. Bei einer „Anstalt“ hätte ich vielleicht noch
länger gezögert, jetzt war die Sache für mich klar. Auf irgendwelche
Konzepte oder Theorien schaute ich höchstens noch am Rande,
eigentlich waren mir die völlig gleichgültig.

Nach mehreren Wochen Wartezeit war es dann so weit, ich zog ins
Schloss Gestorf ein. Ängstlich, weil ich ja nicht genau wusste, was auf
mich zukam; etwas wehmütig, weil ich mein ganzes früheres Umfeld
völlig aufgab.

Nun geschah etwas für mich ganz erstaunliches: Niemand verlangte
etwas von mir, keiner wollte mich zu irgendetwas bewegen, gar niemand
wollte mich verändern. Alle nahmen mich einfach so, wie ich bin. Dabei
war das keineswegs Gleichgültigkeit, ganz im Gegenteil. Wie oft hörte
ich den Spruch: „Komm erst mal an, dann kannst du vielleicht …“

Und noch etwas fand ich ganz bemerkenswert: Fast durch die Bank
gingen hier alle Menschen respektvoll miteinander um, sie waren
hilfsbereit und von einer Art „Höflichkeit“, die nicht aufgesetzt war. Hier
wurden nie die Menschen bewertet und beurteilt, sondern höchstens ihr
Verhalten. Die Menschen nahmen sich gegenseitig ernst.
Diese Haltung ging vom Team der Mitarbeiter aus, aber fast
ausnahmslos wurde sie von den Bewohnern mitgetragen und gelebt.

Noch etwas will ich anführen: Die erstaunlich hohe Qualität des Essens
im Schloss Gestorf. Es war Jahrzehnte her, dass ich über einen längeren
Zeitpunkt Mahlzeiten genießen konnte, die mit so viel Können und
Engagement zubereitet wurden. Nie hätte ich das für so wichtig für das
Wohlbefinden gehalten, bis ich das erlebt hatte.

Jetzt waren die Voraussetzungen gegeben, dass die Natur und das
Schloss auf mich wirken konnten. Ich kroch aus meinem
Schneckenhaus, in das ich mich die ersten Wochen zurückgezogen
hatte, und fing an meine Umgebung wahrzunehmen.

Und es fühlte sich gut an.