Meine neue Freundin: Elisabeth Kulmann

An einem Sonntag morgen hat mich Elisabeth Kulmann gefunden. Anders kann ich es nicht ausdrücken, denn nicht ich, sondern SIE hat mich entdeckt und erobert.

Eigentlich war ich in jener Nacht mit einer Recherche zu den "Geistlichen Liedern" von Annette von Droste-Hülshoff beschäftigt. Dabei stieß ich auf eine Internetseite deutschsprachiger Dichterinnen, und las den Namen Elisabeth Kulmann. Elisabeth Kulmann? Aus dem 19. Jahrhundert? Mir völlig unbekannt, und das kommt bei Literatur, zumal deutschsprachiger Literatur aus dieser Zeit, bei mir gewöhnlich nicht vor.

Ich fing an zu lesen:

In der ganzen Stadt ist keine
Hütte kleiner als die meine;
Für mich ist sie groß genug.
Noch viel kleiner ist mein Gärtchen,
Ich nur gehe durch sein Pförtchen;
Doch auch so ist`s groß genug.
Zweimal setz` ich mich zu Tische,
Etwas Fleisch, Kohl, Grütze, Fische;
Hungrig ging ich nie zur Ruh.
Ja, im Sommer, ess` ich Beeren:
Him- und Erd- und Heidelbeeren,
Oft kommt eine Birn dazu.
Bisher hatt` ich stets zwei Kleider;
Viele Menschen haben, leider!
Eines nur, und das noch schwach.
Klagen wäre eine Sünde!
Arm ist nur der Lahme, Blinde,
Und die Waise ohne Dach.
Was mich da ansprach, anrührte, ich kann es nur schwer beschreiben. Damit und mit einigen anderen Gedichten eroberte Elisabeth Kulmann mein Herz, richtig glücklich war ich mit meiner Entdeckung.

Jetzt begann ich zu recherchieren und musste feststellen: Die bereits mit siebzehn Jahren verstorbene Elisabeth Kulmann wird in der Literaturgeschichte kaum geführt, ihre Gedichte sind im Buchhandel nicht erhältlich, Literatur über sie ist sehr wenig vorhanden, und gäbe es nicht einige Vertonungen ihrer Gedichte durch Schumann, wäre sie möglicherweise völlig totgeschwiegen worden.

Warum? Liegt es daran, dass sie sowohl Russin, als auch Deutsche war? Daran, dass sie eine junge Frau, noch dazu aus dem 19. Jahrhundert, war? Vielleicht ist der Grund auch der, dass die nahezu einzige Quelle für und über sie, ihr Gönner und Lehrer Karl Friedrich von Großheinrich war? (An manchen Stellen tauchen Spekulationen auf, das Großheinrich selbst der Verfasser vieler ihrer Gedichte gewesen sei.)

Ich weiß es nicht. Zwar bin ich in meiner Ehre als Kenner der deutschsprachigen klassischen Literatur gekränkt worden, aber ich habe eine neue Freundin gefunden. Für mich gibt es keinen Zweifel daran, dass Sie die Verfasserin dieser herrlichen Gedichte ist. Diese Lyrik stellt manchen ihrer Zeitgenossen weit in den Schatten, und ist von einer unbekümmerten, aber präzisen Sprache, die , unverwechselbar in ihrer Eigenart, eine Liebe zur Sprache zum Ausdruck bringt, deren Tiefe wohl manchen Literaturkennern und Kritikern abgeht.

Darum auf meiner Internetseite so viel ich finden kann über:

Elisaveta Borisovna Kul`man