Hoffnung am 3. Oktober 2005

Ich könnte dich Vater und Mutter nennen,
So eng bin ich doch mit so vielem verbunden.
Doch ich will nicht an deinen Brüsten flennen,
Hast dich selbst und die anderen zu oft schon geschunden.

Du hast Menschen gehabt, und gemacht und erzogen,
Die so abgrundtief böse jemand kaum kann erdenken,
Hast gemordet, geschunden, geraubt und gelogen.
Dein Gezücht grölt noch heute in hunderten Schenken.

Du bist nicht mehr das Land deiner Dichter und Denker,
Diese Chance hast du wohl für immer vergeben.
Und die Enkel und Töchter und Söhne der Henker,
Wollen lieber im Dunst ihrer Mattscheiben leben.

Ohne Maß, ohne Scham protzt dein oberes Tausend,
Schwelgt genüsslich und feig, lässt mit Sekt sich noch taufen,
Und Millionen die müssen in Wohnsilos hausen,
Ohne Arbeit und Ziel, nur mit Drogen und Saufen.

Doch da sind auch noch andre, die lieben das Leben.
Sie bauen sehr mühsam ein ganz anderes Land,
Sie werden uns wieder die Inhalte geben,
Für die dieses Deutschland in der Welt einmal stand.

Und vom Rhein bis zur Oder leben tausende Herzen,
Die die Hoffnung vor allem Verkommen beschutzen,
Die die Zukunft der Kinder nicht im Wahnsinn verscherzen,
Und die Hoffnung als Weg für die Freiheit benützen.

Und zu den tröstlichsten Hoffnungsgebern
Gehör'n die Steine auf unseren jüdischen Gräbern.