Scham

Bearbeitung des Gedichts Scham
"Vergüenza" von Gabriela Mistral
Wie du mich ansiehst, bin ich schön,
schön wie das Sumpfgras glänzt im Tau.
Wenn ich zum Fluss hinuntergehe,
erkennt das hohe Schilf mein seliges Gesicht nicht mehr.

Ich schäm mich des zu schlichten Mundes,
der Stimme, der gebrochnen, meiner schroffen Knie.
Wo du jetzt schnell vorbei gekommen bist, mich ansiehst,
find ich mich arm, fühl ich mich bloß.

Auf deinem Weg hierher,
da hast du keinen Stein getroffen,
der nackter wär im Morgenrot, als ich,
die Frau, auf die du deinen Blick geworfen hast,
als du mich singen hörtest.

Jetzt schweige ich,
denn niemand soll mein Glück erkennen,
der aus Zufall meinem Weg begegnet,
niemand das Leuchten meiner plumpen Stirn,
und nicht das Zittern meiner rauen Hände ...

Jetzt diese Nacht. Der Tau
berührt das Sumpfgras.

Komm, sieh mich lange an,
Und hüll mich zärtlich ein in deine Worte.
Am Morgen werde ich,
Wenn ich zum Fluss hinuntergehe
In Schönheit strahlen.