Ein Einzug ins Schloss Gestorf

Für die Weihnachtsfeier 2005
Ein Säufer, den traf das Geschick,
Den Korsakow schon im Genick,
Dass er in die Entgiftung kam,
Wo er dann in die Hände nahm,
Sein Leben selber zu gestalten:
Das brachte ihm dann Sorgenfalten.

Ein Leben lang schon auf der Flucht,
Vor sich und der verdammten Sucht,
Erkannte er mit sehr viel Mühe:
Was ihn jetzt aus der Scheiße ziehe,
Das konnte er nicht ganz allein:
Er musste irgendwo hinein.

Er wollte endlich ausprobieren,
Wie er sich, ohne viel zu zieren,
Als Mensch so anfühlt ohne Saufen,
Und ohne vor sich weg zu laufen.
Er wollte sich nicht therapieren,
Sich selber wollt er ausprobieren!

So wandte sich dann unser Streiter,
An einen Mensch Sozialarbeiter.
Der guckte dann im Internet,
Ob´s irgendwo `ne Stelle hätt,
Die für den Säufer passen würde: -
So nahm er diese erste Hürde.

Er hört drei Wochen auf zu schlucken,
Um dann den Platz sich anzugucken.
Da gab´s in Gestorf so ein Schloss,
Das anzusehn er sich entschloss.
Drei Wochen war er nicht mehr breit:
Jetzt war´s für die Visite Zeit.

Im Schloss dann endlich angekommen,
(Es war ihm schon etwas beklommen)
Sah er der Menschen viele Arten,
Auch Gräfinnen mit Schrebergarten,
Und viele Menschen, die dort wohnten,
Und so die Straßen vor sich schonten.

Die ganze Ansammlung von Flegeln,
Die lebte nicht nach strengen Regeln:
Dort machte jeder, was er sollte,
Weil er das auch so machen wollte.
Die wollten alle ausprobieren,
Ganz ohne Stoff zu funktionieren.

Zwar ging dann manchmal etwas schief,
Weil ´s Suchtverhalten ja nur schlief,
Und nicht mit Regeln und Kontrollen,
Die alle doch nur brechen wollen,
Wollten die wissen, wie es läuft,
Wenn man nicht drückt und auch nicht säuft.

Und unserm Trinker, dem gefiel
Das Schloss. Er nahm zum Ziel
Dort einzuziehn, sobald es ging,
Bevor Herr Korsakow ihn fing.
Mit seinen drei, vier Plastiksäcken,
Zog er dann ein, um zu entdecken,

Das war ja gar kein Märchenschloss!
Auch wenn er anfangs sehr genoss,
Dass er zu nichts gezwungen war,
Das Essen schmeckte wunderbar,
Es war sehr ruhig, die Landschaft schön,
Er konnte, wie er wollte gehn.

Doch langsam fiel dem armen Tropf,
Zu oft die Decke auf den Kopf.
Es war ihm gar nicht mehr zum Lachen:
Was sollt er mit sich selber machen?
Er dachte: Wenn ich nüchtern bin,
Ist ´s mir zu fad, so ohne Sinn,

Und ohne irgendwas zu tun.
Ich kann doch nicht nur immer ruhn. -
So sah er sich genauer um
Im Schloss mit allem drum herum.
Und unter allen diesen Mackern,
War mancher richtig schwer am ackern.

Er nahm ´nen Rechen in die Hände,
Und zog mit andern ins Gelände
Um Laub vom Rasen weg zu rechen,
Und auch die vielen ander´n Flächen,
Die waren schöner ohne Laub; -
Doch seine Hände war´n bald taub:

Er merkte nach zwei Stunden schon:
„Ich habe keine Kondition.
Wenn ich das immer machen müsste,
Dann wär das ´ne verdammte Kiste,
Das ist viel schwerer als ich dachte,
Auch wenn ich vorher drüber lachte.“

Und so begann er rum zu suchen,
Was könnt er sonst denn noch versuchen.
Er sah im Schloss die vielen Leute,
Das Team und die Bewohnermeute,
Das Nichtstun ließ ihm keine Ruh,
Denn er gehörte auch dazu. -

Da gab´s den Kurt, den Chef im Haus.
Der spürte einst den Charme des Baus,
Und weil ihn anderes verdross,
Beschaffte sich der Kurt das Schloss,
Und steckt´ es mit Bewohnern voll,
Und seinem Team, das helfen soll,

Den Menschen und dem Schloss zu raten,
Mit Stift, mit Kochtopf und mit Spaten,
Die beiden aus dem Sumpf zu ziehn,
Und abzuwenden den Ruin.
Und so entstand was völlig neues,
Kein Therapiekonzept, was freies. -

Dank Eduard und seiner Küche
Durchziehn das Schloss oft Wohlgerüche,
Man merkt am Schmecken und am Duften,
Wie schwer die in der Küche schuften. -
Das alles nicht nur fabrizieren,
Sondern auch noch organisieren,

Mit Säufern, Fixern, Anarchisten,
Mit nicht kompletten Leergutkisten,
Ist mindestens genauso schwierig,
Wie die Bewohnermägen gierig. –
Doch unser Held war nicht bereit,
Für mehr als eine kurze Zeit,

Sich in der Küche abzuquälen,
Beim Kochen und Kartoffelschälen. -
Es gab da auch noch and´re Sachen,
Die meistens Jens und Daniel machen:
Die suchen immer Mitarbeiter;
Die kontaktierte unser Streiter.

Die beiden haben oft ´nen Plan,
Was man so alles machen kann.
Und Arbeit gibt’s genug im Haus,
Das weis sogar der liebe Klaus,
Der schuftet hier aus freien Stücken,
Sonst könnt der Alltag ihn erdrücken.-

Von Jens und Daniel die Gedanken,
Die kommen manchmal auch ins Schwanken:
Vergeblich wollten sie uns triezen,
Mit uns´ren Arbeitszeitnotizen:
Denn was soll schreiben, wer nur gaukelt,
Und träge seine Eier schaukelt?

Und mancher sagt: Ich mach doch nie
In meinem Job Bürokratie;
Ich weis genau, was ich hier soll,
Und schreibe keine Zettel voll. -
Sozial- und Ergotherapeuten,
Die haben’s manchmal schwer mit Leuten.

Ja, unser Held entschied für sich,
Ich mach jetzt einfach mal ´nen Strich,
Und fange etwas Neues an.
Mal sehen, was ich noch so kann;
Anstatt den Tag mir zu versauen,
Könnt´ ich mir einen Schreibtisch bauen.

Gesagt, getan, er ging zum Team
Sagt scherzhaft da: „I have a dream,“
Und rechnete mit sehr viel Lachen,
Doch hieß es nur, er soll`s doch machen.
So ging er in die Tischlerei,
Und war mit sehr viel Fleiß dabei.

Er stellte fest: Das ist ja geil,
Ich bau mir hier ein Spitzenteil,
Wobei ich auch noch sehr viel lerne,
Und ´s Beste ist: Ich mach das gerne.
So kann ich mich ganz gut entfalten,
Und sinnvoll meinen Tag gestalten.

Doch eines Tages kriegte er
Die bunten Briefe, dick und schwer:
Man wollte für erlitt´nen Schaden
Von ihm noch sehr viel an Kohle haben.
Als er noch lebte auf der Platte,
War´s ihm egal, dass er nichts hatte.

Jetzt machte er sich tiefe Sorgen,
Und dachte auch schon mal an Morgen. –
Nur ganz allmählich fiel ihm ein,
Ich bin im Schloss ja nicht allein.
Da wurde seine Miene heiter:
Es gab ja hier Sozialarbeiter.

Bevor ich sinnlos weiter leide,
Da red ich lieber mal mit Heide.
Vielleicht hat die ja einen Plan,
Was ich mit Schulden machen kann.
Die kannte bis zum Überdrusse,
Die Briefe, die er schreiben musste.

Doch damit war es nicht getan,
Sie machte mit ihm einen Plan,
(Den auch ´s Sozialamt haben wollte,
Weil das die Kohle geben sollte)
Wie er sich wohl entwickeln könnte,
Denn noch bekam er keine Rente.

So ließ sich alles ganz gut an
Für unsern jetzt recht cleanen Mann.
Er spürte auch: Wenn ich nun streike,
Dann hilft mir nicht einmal die Meike.
Wenn mir die andern helfen sollen,
Dann muss ich selbst schon etwas wollen.

Er war dem Schloss schon ganz gewogen,
Denn darum war er eingezogen.
Zwar wußt` er nicht: Wie geht es weiter,
Und ´s Wetter ist nicht immer heiter,
Ja vorher hab ich mich betrogen,
Mit Alkohol und andern Drogen.

Jetzt weiß ich, ich muss nicht mehr schlucken,
Um froh aus meiner Kluft zu gucken.

Und die Moral von dieser Posse?:
Die seht ihr Tag für Tag im Schlosse.
Mal ist es sauber, mal ist´s dreckig
Mal läuft´s ganz rund, mal läuft es eckig:
Es läuft so wie wir ´s laufen lassen,
Und ob wir ´s sind: trotz Müh` - gelassen.